BRIEFE AN JIM

von HARALD PRIEM

Arbeiten auf Papier P.S.: fotografische Anmerkungen

06. Sept.  - 5. Okt. 2013

 

Es sind verlorene Orte. Alte Fabrikgebäude, ehemalige Krankenstationen, unbewohnte Häuser, die vielleicht schon Jahrzehnte unbelebt sind. In Viernheim ist es ein  Kriegsbunker, der Glockenturm der Apostelkirche und ein altes verlassenes Wohnhaus. Alles Kollateralen einer fortschreitenden Urbanisierung. Aus der Zeit gefallen, wie es der Künstler Harald Priem nennt.

Er sucht und besetzt solche Orte regelmäßig. Sie sind ihm, Fotograf, Zeichner und Maler, zu seinen temporären Atelier- und Arbeitsräumen geworden. Wie ein Forschungsreisender auf der Suche nach den potemkin´schen Dörfern. Und wenn er sie gefunden hat, ist er alleine dort, ohne menschliche Interaktion, nur umgeben vom Hintergrundrauschen einer ihm unbekannten Vergangenheit. Es ist die Unschärfe dieses Unortes, die ihn fasziniert, der er behutsam und vorsichtig nachgeht und Stück für Stück focussiert. Und tatsächlich ist es zuerst die Kamera, mit der er akribisch die suburbanen Räume abtastet. Fernab von gefestigter Ästhetik und bekannten Bildvorstellungen folgt er dabei einzig den vorgegebenen Rastern des Vorgefundenen... stundenlang, teilweise Tage dauernd. Romantisierung liegt ihm dabei fern.Vielmehr ähnelt dieses Vorgehen der Methode der Archäologie und der Spurensicherung an Tatorten.

Harald Priem befasst sich akribisch nur mit äußerlich wahrnehmbaren zeitlichen Ablagerungen. Dabei entstehen minimale fotografische Zeugnisse und Spurensammlungen. Durch die Nahlinse seiner Kamera werden die kleinsten und unscheinbarsten Dinge zu großen Bilderzählungen, wie z.B. ein halbverfallener Zeitungsfetzen mit dem Bild eines Fußballspielers und daneben, auf dem Boden liegend, ein kleiner Tippkick-Ball. Ein Spiel des Zufalls? Ja, denn nichts an Harald Priems Fotos ist arrangiert. Alles findet er so vor. Wie auch den halbverwesten Insektenkadaver, der vom Staub der Jahre bedeckt, an die Vergänglichkeit alles Lebendigen gemahnt. Die Aufnahmen nennt er ironisierend Postkartenmotive, als wäre er ein ambitionierter Fototourist, der die Sehenswürdigkeiten eines fremden Landes abfotografiert.und in ein Album klebt.

Für das Viernheimer Projekt  geht er erstmals noch einen Schritt weiter, in dem er Teile dieser Motive mittels digitaler Bildbearbeitung freigestellt und überdimensional an die Wand des Fundortes projiziert. So erscheint z.B. plötzlich der kleine schäbige Porzellanteller, der jahrelang achtlos auf dem Boden lag, als metergroßes, raumgreifendes Artefakt  auf altem vergilbtem Tapetengrund.

Dann legt Priem Kamera und Laptop zu Seite und fandet nach weitern Fundstücken und Spuren vergangenen Lebens.

Sei es eine Lüsterklemme, die ihre Funktion längst  verloren hat oder ein ramponierter Klingelknopf im verlassenen Krankenzimmer, der einst eilfertige Schwestern herbeigerufen hat. Es kann auch ein rostzerfressenes Eisengitter sein, das einst eine Luke abdeckte. Manchmal findet er auch Dinge, deren ursprüngliche Verwendung schleierhaft bleibt. Fremde Rudimente, die auf ihn eine besondere Wirkung ausüben. Sie sollen ihm im Folgenden als Werkzeug seiner zeichnerischen Arbeitsphase dienen.

Meist ist das schwere Aquarellpapier, das er von einer Rolle abwickelt und auf dem Boden auslegt, großformatig, manchmal sogar viele Meter lang. Möglicher Schmutz, Feuchtigkeit und Unebenheiten des Untergrunds stören ihn nicht, auch wenn es später auf der Bildseite lesbar bleibt.

Er wählt mit Bedacht eines der Fundstücke und taucht es in schwarze Farbe. Von links oben nach rechts unten arbeitend, beginnt die gedehnte Zeit des Stempelns.

Allein die stetigen Zäsuren zwischen den immer blasser und gebrechlicher werdenden Zeichen des fast ausgedruckten Stempels und den frisch und kräftig aufleuchtenden Formen nach neuer Farbaufnahme, lassen ein Rhythmus erkennen. Einen steten Wechsel zwischen Ruhe und Veränderung. In rastloser Sukzession setzt er Zeichen um Zeichen, von denen die Vergangenheit unendlich viele zu haben scheint. Er nennt dies selbst „Briefe an Jim“, einen fiktiven Adressaten, der irgendwo da draußen sein mag, außerhalb des Unorts, doch in Wahrheit eher auf sein Alter Ego verweist. Seine Arbeit folgt  der Unaufhaltsamkeit der Zeit, ohne feste Fixpunkte und ohne Bezug auf eine äußere Zeitrechnung. Es ist, als ob er eine Erinnerung wachrufen will, die er doch nie erlebt hat.

Am Ende wird die scripturale Arbeit vor Ort an eine Wand montiert.

Die sorgfältige fotografische Recherche, die zu Anfang der Bestandsaufnahme stand, mündet hier in eine künstlerische Neukonzeptualisierung des Raumes. Dieser Umordnung der verlassenen Räume, der Harald Priem über Tage folgt, liegt unübersehbar eine konzeptuell objektive Herangehensweise zugrunde.

Ganz anders die Arbeiten, die er teilweise zu einem weit späteren Zeitpunkt frei fortschreibt. Hier werden die gezeichneten Briefe nochmal neu überstempelt und fast malerisch weiterentwickelt. Es sind Bilder, deren Grundstrukturen zwar noch erkennbar bleiben, die er aber in poetisch anmutender Subjektivität überarbeitet.

Denoch bleiben alle seine Arbeiten, ob die Fotografien, seine zeichnerischen Briefe oder letztendlich die freien Interventionen dem ursprünglichen Ort eng verbunden. Sie sind im Grunde alle narrartive Spekulationen über die Geschehnisse dort. Tatsächlich führt Harald Priem dadurch auch den Betrachter mental an diesen Ort. Einen Ort, der quasi posthum mit einem neuen Nimbus umgeben wird, der von der anfänglichen Seelenlosigkeit und Fremdheit wegführt.

 

Fritz Stier... Juni 2013

 

 

 

 

 

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

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